

Elliott war das mittlere Kind. Natürlich war er noch viele andere Sachen. Aber irgendwo zwischen den kritischen Blicken seines Vaters und dem Getuschel der Nachbarn hatte Elliott entschieden, dass es die Rolle des mittleren Kindes war, die ihn definierte. Er war immer dazwischen. In einer Weise, die man nicht erklären, sondern nur fühlen konnte.
Sein älterer Bruder Matthieu war zielgerichtet und effizient. Ein perfekt ausgeführter Degenhieb. Das letzte Wort in einem Streit. Das Pferd im Stall, das das Rennen gewinnt. (Elliott hatte schon immer Respekt vor Pferden gehabt.)
Isabelle, seine jüngere Schwester, hatte eine herzliche Art an sich. Sie verstand es, jeden Menschen anzusehen, als ob sie nichts lieber täte, als mit dieser Person zu sprechen. Außerdem besaß sie das beneidenswerte Talent, alles sagen zu können und dabei charmant zu wirken.
Matthieu war die Zukunft der Familie. Isabelle war das Herz. Elliott war einfach nur da. Eine Tatsache, die sein Vater, Thierry Laurent, Bürgermeister und Elliotts härtester Kritiker, ihn nur selten vergessen ließ. Elliott musste sich mit dem ewigen Platz dazwischen begnügen. Mit dem Nichthineinpassen. Dem Übrigbleiben. Dem Nichtgenugsein. Und zum ersten Mal in seinem Leben freute sich Elliott darüber, nicht genug zu sein.
Der Brief war vor genau sechs Tagen gekommen, zur Morgendämmerung, wie sie sich auch jetzt am Himmel ausbreitete, getragen von einem Raben mit blau glänzendem Gefieder und einem weißen Fleck auf der Brust. Der Rabe war fortgeflogen, aber der Brief blieb bei ihnen. Elliott hatte nur einen Blick auf das vergilbte Papier erhascht, eine Andeutung geschwungener Buchstaben in schwarzer Tinte, bevor sein Vater das Fenster aufgemacht und den Brief vom Sims genommen hatte. Das verwirrte Schweigen am Esstisch hatte die Familie seit Jahren zum ersten Mal in der einen Frage vereint: Von wem stammte der Brief und wieso hatte ausgerechnet ein Rabe ihn überbracht?
Mittlerweile wusste Elliott sowohl, was darin stand, als auch, dass seine Vermutungen sich bewahrheitet hatten. Der Brief kam aus dem Rabenschloss, verfasst von der verfluchten Prinzessin persönlich.
Er warf einen Seitenblick zu seinem Bruder, der seinen Reisemantel, einen Rucksack sowie einen leichten Koffer trug. Matthieu starrte in den Wald, der sich vor ihnen erstreckte, warf keinen Blick zurück über die Felder bis hin zu der friedlich daliegenden Stadt mit ihren Fachwerkhäusern und Straßen aus Kopfsteinpflaster.
Über ihnen färbte sich der Himmel pink. Die Familie Laurent stand reglos vor einer Grenze, die seit Jahrzehnten nicht überquert worden war. Der Wald, der das Rabenschloss beherbergte. Düsterer und wilder als die anderen Wälder im Umkreis. Ein Ort, von dem man im Flüsterton erzählte.
»Das ist doch lächerlich«, sagte Isabelle zu Elliotts Rechten.
Weder ihr Vater noch Matthieu sagten etwas.
»Es ist lächerlich«, wiederholte sie. »Ein dummer Scherz. Da draußen gibt es kein Schloss.«
Sie sprach nicht aus, was Elliott dachte. Dass niemand den Wald betrat, der sich vor ihnen erstreckte. Dass die alten Leute sich an eine Straße erinnerten, die einst dort hineingeführt hatte und von einem Tag auf den anderen vom Gestrüpp gefressen worden war. Dass man munkelte, tief in der Nacht das Schreien der Kreaturen zu hören, die sich zwischen den Bäumen versteckten.
»Wir warten«, sagte ihr Vater.
Elliott warf einen weiteren Blick zu seinem Bruder. Matthieus Gesicht war wie ein See an einem windstillen Sommertag. Nichts bewegte sich darin.
»Hast du Angst?«, hatte Elliott ihn gestern Abend gefragt.
»Nein«, hatte Matthieu geantwortet und es vielleicht sogar ernst gemeint.
Das Pink am Himmel wurde immer heller, während die Minuten vorbeizogen. Ein Pferdekarren erschien am Horizont, rollte die Straße entlang und verschwand zwischen den Häusern der Stadt. Irgendwo in der Ferne krähte ein Hahn.
»Im Brief stand Morgengrauen, nicht wahr?«, fragte Matthieu. »Ich sollte doch heute zum Morgengrauen hier warten.« Es musste ein Zeichen seiner Nervosität sein. Also doch, dachte Elliott. Es macht ihm etwas aus, weggeschickt zu werden.
»Wir warten«, sagte sein Vater.
Er hatte weder Elliott noch Isabelle erzählt, warum ihr ältester Bruder die Stelle des Verwalters im Rabenschloss einnehmen sollte – diesem Ort, von dem niemand wusste, ob er wirklich existierte. Thierry hatte es eine Chance genannt, die sie sich nicht entgehen lassen durften, und Elliott hatte nicht weiter nachgefragt. Er wusste, wann es besser war zu schweigen. Also hatte er sich nur still darüber gefreut, dass sie Matthieu wenigstens bis zum Waldrand begleiten durften, um sich zu verabschieden.
Weitere Minuten vergingen, in denen die Sonne höher stieg und Elliotts Glieder unruhig wurden. Ein Knacken ertönte aus dem Wald, dann segelte ein Vogel aus einer Baumkrone zu ihnen hinab. Es war der Rabe, der vor sechs Tagen am Fenster geklopft und den Brief hatte fallen lassen. Das Gefieder hatte denselben Blauschimmer und auf der Brust stach der weiße Fleck hervor. Aber sein Flügel …
»Er ist verletzt«, sagte Isabelle.
Das Tier hüpfte auf sie zu, den linken Flügel hinter sich herziehend. Ein stumpfes Krächzen kam aus dem Schnabel. Zu Füßen ihres Vaters ließ es sich zu Boden sinken, kraftlos und schwer atmend.
»Was ist mit ihm passiert?«, fragte Isabelle.
»Vielleicht«, begann Matthieu, »gab es einen zweiten Brief. Weitere Anweisungen, die im Wald verlorengegangen sind.«
Der Rabe krächzte wehleidig. Ein so trauriger Ton, dass Isa Elliott einen unauffälligen Blick zuwarf. Ein stilles Hilfe, das sie ihm nur dann zuwarf, wenn ihr Vater in Hörweite war.
Er ging in die Hocke und streckte die Hand nach dem Vogel aus. Der Rabe hackte nach ihm.
Er seufzte. Magnifique.
»Steh auf, Elliott. Der Vogel könnte krank sein.« Die Stimme seines Vaters klang abwesend. Er sah in den Wald, als würde er sich in Gedanken seinen eigenen Weg bis zum sagenumwobenen Schloss der Rabenprinzessin schlagen.
Elliott stand auf. »Ich glaube, sein Flügel ist gebrochen. Wenn wir …«
Der Blick seines Vaters ließ ihn innehalten. Die Sache mit Thierry Laurent war, dass er kein gewalttätiger Mensch war. Er war nicht jähzornig oder laut. Er konnte alle seine Entscheidungen sinnig und rational erklären. Es hatte sogar den Anschein, als wollte er nur das Beste für alle Leute um ihn herum. Nur fühlte es sich schlecht an, in seinem Fokus zu stehen. In Thierrys bloßer Gegenwart kam sich Elliott ungenügend vor. Arglos und naiv.
Aber sein Vater hatte natürlich recht. Was wollte Elliott tun? Den Vogel mit nach Hause nehmen, ihn gesund pflegen und Wochen warten, um ihn dann zu seiner Herrin zurückzuschicken? Es war eine lachhafte Vorstellung. Die Idee eines Kindes. (Elliott wusste, dass er mit achtzehn Jahren zu alt für eitle Fantasien war. Trotzdem schaffte er es nicht, sie abzulegen.)
Der Rabe kam auf die Beine. Die schwarzen Perlaugen starrten für einen Moment direkt in seine.
Es tut mir leid, versuchte Elliott ihm stumm zu vermitteln.
Der Rabe blinzelte und hüpfte zurück in den Wald.
»Das war merkwürdig«, sagte Isabelle mit einem Ausdruck im Gesicht, der zum Knoten in Elliotts Bauch passte.
Die Familie Laurent wartete, bis sich der pinke Himmel blau färbte. Als die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hatte, tat Thierry Laurent etwas, das er noch nie getan hatte.
Er gab auf.
Yvonne Matuchno